Plakat "denken IST DIE ERSTE BÜRGERPFLICHT"
- Plakat
- Unbekannt (Hersteller*in)
- Berlin (Stadt)
- 1989
„denken ist die erste Bürgerpflicht“Demonstrationsplakat, 1989Der Satz appelliert an die Eigenverantwortung der Menschen, die ihn lesen. Ohne eine konkrete politische Forderung zu stellen, erinnert das Plakat damit sowohl an die Unmündigkeit und den Druck zur Anpassung, die die SED-Herrschaft in der DDR bewirkt hatte, als auch an ältere Traditionen des autoritären Staats.„denken ist die erste Bürgerpflicht“ zitiert einen bekannten Spruch, der ursprünglich auf einem offiziellen Maueranschlag im Jahr 1806 zu lesen war. Damals wurden die Berliner*innen nach einer schweren Niederlage der preußischen Truppen gegen die napoleonische Armee zur Ruhe aufgefordert. „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ entwickelte sich über die Zeit zu einem geflügelten Wort: Man soll den Autoritäten gehorchen und sich nicht an aufständischen Aktionen beteiligen.Das Plakat von 1989 bezieht sich auf die Verhältnisse in der DDR und verkehrt die alte Ermahnung in ihr Gegenteil. Denken bedeutet eben, sich eine eigene Meinung zu bilden, ohne Anpassung an Autoritäten. Im Zusammenhang mit den Demonstrationen im Herbst 1989 heißt das, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, sich von Autoritäten zu befreien, eben wahre, selbständig denkende und handelnde Bürger*innen zu sein.Einige Fragen knüpfen sich an die vierfarbige Unterstreichung des Wortes „denken“. Vielleicht dient sie allein der Hervorhebung als Mittel der Plakatgestaltung. Vielleicht zitiert sie aber auch die Farbgestaltung der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1973 in Ost-Berlin, die von vielen als kurzer Sommer der Freiheit empfunden worden waren.